"Ich bin ungern gegangen, denn meine Familie blieb"

Christoph Treiblmayr und Peter Stadlbauer
im Gespräch mit Martin Goldenberg

I.: Interviewer: Christoph Treiblmayr, Peter Stadlbauer
M.G.: Martin Goldenberg

I.:
Martin, wie besprochen moechten wir Sie heute fuer das ZeitzeugInnenprojekt unseres "Vereins fuer Dienste im Ausland", jenes Vereins, der uns als oesterreichische Gedenkdiener an die Wiener Library und das Yad Vashem hier in London entsandt hat, zu Ihrer Lebensgeschichte befragen.

M.G.:
Ja, sehr gerne.

I.:
Martin, Sie sind gebuertiger Oesterreicher. Wenn Sie uns bitte etwas zu Ihrer Kindheit in Wien, zu Ihren Eltern und deren Berufen und Ihren Geschwistern erzaehlen koennten?

M.G.:
Ich war in Wien geboren [...] und ich erinnere mich sogar noch daran, nicht an die Geburt selbst, sondern das Datum natuerlich, der 30. Juli 1917. Unter dem Kaiserreich. Mein Vater war Berufssoldat in der K. und K. Armee, damals war er Major. Meine Mutter war Schullehrerin. Sie kam aus Suedostpolen, Galizien, das war damals noch Oesterreich. Und mein Vater kam aus Czernowitz, ich weiss nicht, was der heutige Name dafuer ist, das war damals auch Oesterreich. Nach seiner allgemeinen Wehrzeit, ich glaub, das war damals zwei oder drei Jahre, da hat er sich entschlossen, weiter zu machen im Militaer. Ich weiss nicht, was sein Hintergrund war, sein Vater war Geschaeftsmann, in einem kleinen Ausmass, und seine Mutter war, wie damals alle Frauen, einfach Hausfrau. Er hatte auch Geschwister, die ich nie gekannt habe. [...] Als seine Dienstpflicht vorbei war, hat er sich entschlossen, weiterzumachen. Und er wurde auch in seinem Regiment, Landwehrinfantrieregement 42, kann ich mich noch erinnern, zum Offizier vorgeschlagen. So wurde er Unterleutnant, Leutnant und letztenendes in 1919 - unter der Republik - hat er seinen Abschied als Oberstleutnant genommen. Und ein Jahr spaeter ist er dann schon auch gestorben, meine Mutter sagte, an einem internen Bluterguss, aber ich weiss das nicht weiter. Ein Jahr spaeter, da war ich drei Jahre alt, hat meine Mutter sich wieder verheiratet, mit einem Rechtsanwalt, Dr. Karl Weiss, auch aus Czernowitz. Er selbst - seine Frau war gestorben in Wien - hatte drei Kinder, Heinrich der aeltese, der war Arzt, ein [...] ich kenn den Ausdruck auf Deutsch nicht "Gerneral practioner" [...]

I.:
Allgemeinarzt?

M.G.:
Ja. Meine Stiefschwester, Rachel, Hella, Dr. jur., und der juengste, Leopold, Poldi, der war Journalist und ist im Jahr 26 Mohammedaner geworden. Darueber kann man in seiner Biographie nachlesen. Er starb im Jahre 1990. Er wurde 90 Jahre alt und war geboren im Jaenner 1900. Er ist auf dem islamischen Friehof in Granada begraben. Sein Sohn - er war verheiratet mit einer Frau in Arabien - ist Professor der Anthropologie an der City University of New York.. Wir sind mit ihm und seiner Frau Tanja sehr eng zusammen.

I.: Kommen wir vielleicht wieder zu der Familie Ihrer Kindheit zurueck?

M.G.:
Ja, nach meiner Geburt hat mein Vater meine Mutter und mich zurueck zu seiner Garnision gebracht, die Garnision war in Wadowice, in Polen, also Ostoesterreich, dem Geburtsort des augenblicklichen Papstes. Wer weiss, vielleicht habe ich mit ihm gespielt. [Hm] Aber als der Krieg vorbei war, sind sie alle zurueck nach Wien gegangen. Mein Vater mit verschiedenen Schwierigkeiten, zuerst an der Front im Osten, zuerst wurde er von den Ukrainern gefangen genommen, die wollten, dass er bei Ihnen dient, dann wurde er von den Polen genommen, die wiederum wollten, dass er bei Ihnen dient. Aber er wollte das alles nicht, er sagte, er ist Oesterreicher, seine Loyalitaet und Treue gilt dem Kaiser, nicht der polnischen Republik. So kam er nach Wien und dann hat er Abschied genommen und starb 1920. [Hm] Meine Familie danach: Mein Stiefvater war, wie ich sagte, Rechtsanwalt in Wien, ein ausserordentlicher Mensch, ein wirklicher Intellektueller. Er war auch ein guter Mathematiker und war sehr interessiert an Sternenkunde, Astronomie. Ich war natuerlich eine grosse Enttaeuschung fuer ihn, Mathematik war fuer mich immer ein geschlossenes Buch, das ich bis heute nicht aufgemacht habe! Er hat immer zu meiner Mutter gesagt: "Blimka", der richtige Namen meiner Mutter war Bertha, aber ihr jiddischer Name war Blime, Blume. "Blimka", sagte er immer zu meiner Mutter, "wie konntest du nur als Sohn so einen Dummkopf haben!" [...] Aber er war ein wunderbarer Mensch, nie hat er seine Hand gehoben, ueberhaupt nicht. Das gabs nicht.

Meine Schwester hat nie das Recht ausgeuebt, denn als sie ihr Doktorat verliehen bekam, da kam dann kurz danach der Anschluss und dann wars aus damit. Der aelteste Stiefbruder, der Doktor ist, der hat geheiratet und ist mit dieser Frau ausgewandert nach Palaestina. Er starb vor ungefaehr zehn Jahren in Tel Aviv. Als der Anschluss kam, wurde er - ich weiss nicht, wieso es dazu gekommen ist - sofort nach Dachau gebracht und er kam aus Dachau zurueck nach einiger Zeit aufgrund er Erklaerung seiner Frau, dass sie ein "Kapitalistenzertifikat" hat, das hat damals glaub ich 200 Pfund gekostet, dann konnte man nach Palaestina gehen. Ich erinner mich noch, wie er, als er aus Dachau nach Hause kam, mit kahl geschorenem Kopf, gezittert hat und wie er erzaehlt hat, dass er vorgeladen wurde im Hotel Metropol, [...] das war damals das Gestapo Headquater, das existiert heute nicht mehr. Waehrend dem Krieg ist eine Bombe draufgefallen, ich hoffe, mit all den Leuten drinnen. [...] Da wurde er gefragt von einem SS-Offizier, es kann Eichmann gewesen sein, [...] und das ist ganz interessant, da wurde er gefragt: "Und wie gings Ihnen denn da, in Dachau?" Da sagte mein Bruder: "Also, ganz ausgezeichnet, ich kann mich ueberhaupt ueber nichts beklagen". Und der Mann sagt zu ihm: "Hoer mal zu, du brauchst mir solche Sachen nicht zu erzaehlen, ich weiss genau, was da vor sich geht. Du kannst es jedem erzaehlen, warum glaubst du, dass wir solche Institutionen haben? Die Leute sollen wissen, was Ihnen geschehen kann, wenn sie nicht mit uns gehen. Aber wenn du ins Ausland kommst, dann denk dran, dass du noch Familie hier hast." [Ahm] Sie gingen nach Palaestina., das war er.

Dann der juengere Stiefbruder, der war, wie ich sagte, Journalist, der hat in Arabien gelebt. Er war ein persoenlicher Freund des King Ibn Sahud und hat dort eine ganze Zeit lang gelebt und hat spaeter auch andere Sachen gemacht, aber immer als Journalist und hat auch verschiedene Sachen geschrieben, die fuer die Philosophen des Islam von Bedeutung sind.

I.:
Sie haben erzeahlt, dass Ihre Schwester nach dem Anschluss ihren Beruf nicht ausueben konnte. Wie ist es Ihnen selbst und dem Rest Ihrer Familie nach dem "Anschluss" ergangen?

M.G.:
Ich kam im Maerz 39 hierher nach London. Das kam dadurch zustande, dass [...] Also nach dem Anschluss wurden alle juedischen Kinder aus den Schulen rausgeschmissen. Das war anders, als es sonst im Reich war, wo sie noch ein paar Jahre lang weiter an den Schulen waren. Die juedische Kultusgemeinde und viele juedische Organisationen haben deswegen eine Art von nicht Schulen, aber [Ahm], wie wuerde ich das sagen, eine Art Institutionen geschaffen, wo die Kinder hinkommen konnten und tagsueber betreut wurden, denn das war keine Angelegenheit, dass die Kinder in der Strasse herumlaufen. Und da haben sie sich an uns gewendet, ehemalige Pfadfinder, das war ja meine grosse Begeisterung. Ich war immer schon ein Pfadfinder. [Ahm] Da haben wir [...] da wurden wir aufgefordert, das haben wir getan, in einem Tempel in der Tempelgasse im 2. Bezirk, da hatten wir eine Anzahl von Kindern. [Ahm] Dann kam die Kristallnacht und es wurde alles zerschmettert, [...] Das war ganz schlimm. Als die englische Regierung hier [Ahm] Erlaubnis gab, eine welchimmer Anzahl von Kindern, die gefaehrdet sind in Deutschland, spaeter in der Tschechoslowakei, im Alter, glaube ich, von sechs bis 16 Jahren, aber das wurde nicht so ernst genommen, sie waren juenger, manche waren aelter. Falksohn, Howard, [Archivar der Wiener Library, Anm. I.] sein Vater kam hierher mit 13 Jahen als ein Kindertransportkind. Fritz Deutsch, ein Freund von mir aus Wien und auch Pfadfinder, wir wurden aufgefordert, nach England zu gehen, um den Empfang von solchen Kindertransporten vorzubereiten. Ich bin ungern gegangen, denn meine Familie blieb. In der Zwischenzeit hatte mein Stiefbruder Poldi, der Name war jetzt Muchamed Assad, er lebte in Indien, sich bemueht, uns alle nach Indien zu bringen. Und ich wollte einfach warten, bis ich mit meinen Eltern und der Schwester dort hin ging. Na ja, dann kam der Krieg und da wurde nichts draus. Da kam ich nach England, zuerst ins Kitchener Camp, das war ein Refugee Camp. Da war ich nur ganz kurze Zeit und dann gingen Fritz und ich und eine Anzahl von anderen Jugendfuehrern aus Deutschland und haben - in unserem Fall - ein Zeltlager aufgeschlagen fuer die Kinder. Diese Kinder wurden in allen moeglichen Sachen untergebracht, in Schulen, in leeren Holidaycamps, woimmer. Aber wir wollten so rasch wie moeglich etwas aufbauen, damit man soviele Kinder wie moeglich bevor dem Krieg - man wusste, der Krieg kommt - nach England bringen konnte. Ungefaehr 10.000 Kinder wurden gerettet auf diese Weise, das war eine der groessten huminataeren Gesten, die von allen Laendern der Welt kam- sogar die grosse United States of America haben nichts dergleichen getan. Und das soll nie vergessen werden. So haben wir dieses Zeltlager - mit Zelt meine ich mehr Markisen - grosse Zelte, aufgebaut. Das war auf einer Farm, eine wirkliche Farm, da waren Kuehe und Pferde und Schweine und Huehner und was immer, sodass fuer die Kinder auch was zu tun und zu sehen war. Ich selbst hatte mich um zwei Pferde zu kuemmern, so grosse Pinzgauer, so riesen Dinger, die sieht man heute kaum mehr, wunderbare Tiere. Ich hab mich sofort zu ihnen zugehoerig gefuehlt. Als der Krieg ausbrach, da haben natuerlich die meisten von uns, ich auch, sich sofort zum Militaer gemeldet. Aber wir wurden nicht angenommen. Nach einigen Monaten, ich glaube, es war im Oktober, wurden die Kinder alle verteilt, denn man konnte sie im Winter ja nicht im Zelt lassen. Ich selbst ging auf eine [Ahm] ein landwirtschaftliches Unternehmen unter Glas, ganz grosse Glashaeuser, in denen man Blumen gepflanzt hat, Tulpen und Hyazinten vor allem. Die Zwiebeln davon wurden ausgefuehrt nach Canada und Amerika, das war hard currency. Ich wurde dort hingeschickt mit einer Anzahl von Kindern und ich war deren Betreuer, wenn Sie so wollen. Es war sehr unangenehm und es wurde auch bald aufgehoert, die Kinder wurden ausgenuetzt, mussten den ganzen Tag arbeiten, da war kein Unterricht, sie haben nichts gelernt. Aber in der Zwischenzeit habe ich mich sehr angefreundet mit einem anderen Fluechtling aus Wien, der hat die Heizung betreut. Nun, sein Name war Arnold Himmler. Wir mussten uns bei der Polizei, im Alien Registration Book melden. Der Polizeibeamte in der Polizeistube sieht sich meinen Pass an, sagt "Ja, Goldenberg, ja ist in Ordnung" und dann nimmt er den anderen und da sagt er "the Himmler?". Wir haben ihn ueberzeugen koennen, und Arnold hat spaeter seinen Namen geaendert.

I.:
Wie ging es dann weiter?

M.G.:
Ich wurde interniert, in einem Camp in der Naehe von Shrewsbury, das war [Hm], na ja, natuerlich unangenehm, interniert zu werden, aber die [Ahm] Umstaende waren nicht schlecht, wir waren allerdings nur in kleinen Zelten untergebracht und haben auf einem Strohsack geschlafen. In meinem Alter damals war das keine Angelegenheit. Wir waren zehn Leute in einem Zelt und wir, die in einem Zelt waren, wir waren alle Freunde. Dann konnten wir nach einiger Zeit raus, unter Bewachung, um auf dem Land zu arbeiten. Da haben wir uns natuerlich sofort gemeldet, denn das war sehr angenehm, wir zehn sind auf einer Gruppe in eine Farm gegangen. Na ja, wissen Sie, das ist eben England, im Krieg. Da kamen wir in der Farm an, das erste, was unsere Wachmannschaft getan hat, war ihre Gewehre in die Ecke zu stellen und haben uns gesagt: "Jetzt muesst ihr auf die aufpassen" und sind weggegangen, haben geschlafen. Nur sagten sie, wenn ihr seht, dass da an der Landstrasse ein kleines militaerisches Auto kommt, dann pfeifft ihr, denn das ist der Inspektionsoffizier. Das war England, deswegen habe ich mich sofort hier zuhause gefuehlt. Niemand hat das so schrecklich ernst genommen. Bis es ernst wurde. Die Frau des Farmers hat uns eine wunderbare Mahlzeit gegeben, wir haben gearbeitet wie die Wuetigen. Es war wunderbar, was zu tun und wir haben auch gedacht, wir tun etwas fuer den war effort. Nach einiger Zeit wurde es moeglich, aus der Inhaftierung rauszukommen. Da wurden 15 Kategorien bestimmt fuer Leute, die rauskamen. Selbstverstaendlich Militaer. Da kam ich in eine Einheit, die wurde genannt "the Alien Pioneer-Corps", das war eine non-combat-Einheit. Wir haben nur gearbeitet, zum Beispiel Artilleriestellungen aufgerichtet an der Kueste fuer den Fall einer Invasion. Wir wurden ganz bald spaeter bewaffnet. In meiner Einheit waren ja fast alle irgendwie akademisch qualifizierte Leute, sodass unser Offizier, wir waren auf einer Abteilung auf dem Land, wenn der uns die Arbeit eingeteilt hat, haben sofort alle protestiert, "Na na, ich bin doch Ingenieur, ich muss was anderes tun", das war fuer diesen armen englischen Offizier sehr verwirrend, dass sofort jeder irgendwas zu sagen haben muss. Nicht nur, was zu sagen hat, sondern gesagt hat: "Das ist mein Recht, das sind die King's Regulations, das ist das Militaergesetz, Paragraph 15, Subparagraph 2A, sagt das und das". Und der arme Offizier wusste gar nicht, dass sowas ueberhaupt existiert. Aber wir hatten eine ganze Menge Rechtsanwaelte unter uns.

Nach einiger Zeit konnten wir bei anderen Waffengattungen eintreten. Ich war nicht richtig [Ahm] talentiert fuer den Panzer, [Ahm] da musste man verschiedene Sachen zusammenbasteln und ich konnte das nicht. In Folge dessen haben Sie mich auf die Offziersschule geschickt. So bin ich Offizier geworden, natuerlich war ich immer noch ein enemy alien, das war unsere Kategorie, denn wir kamen ja aus Deutschland beziehungsweise aus deutsch besetztem Gebiet. Bis zum Ende war ich Hauptmann, als enemy alien, das war auch England. Nicht, dass irgendjemand auch nur mit einer Wimper gezuckt haette, sie sahen auf meinem Militaerpass "enemy alien", sagen sie, "wo kommen's denn her", na aus Wien, "ah, ja, schoene Stadt". [Lacht] Ich bin dann nach dem Middle East geschickt worden, zuerst nach Aegypten, und dort wurde ich einer Abteilung zugeteilt, das waren Basutu, das war nicht Suedafrika, das war ein sogenanntes High Commission Territory, das war ein Territorium, das stand direkt unter der Krone aber es war situated in Suedafrika. [...] Da stand ich da eines Morgens und dachte mir, die schaun doch alle gleich aus. Ich hab aber nach einiger Zeit rausgefunden, die schaun nicht alle gleich aus, das waren sehr gute Leute. Und wir wurden nach Palaestina geschickt, nach Haifa und das war ganz [Ahm] in einer Hinsicht angenehm, ich hatte sehr viel Freunde dort. Als es spaeter etwas unangenehm wurde, also als zum Ende des Krieges, nach dem Ende des Krieges die illegalen Einwanderer kamen aus den Lagern, die Englaender wollten sie nicht reinlassen, also dann gab es Schwierigkeiten. Die juedischen Terroristen, die spaeter natuerlich so wie in allen Faellen Ministerpraesidenten wurden, [...] da wurden englische Soldaten angegriffen und sie wurden umgebracht , ganz schlimm. Und da wurde alles juedische Personal weggetan. Diejenigen, die in Palaestina sich gemeldet hatten, die wurden demobilisiert in Palaestina selbst und jene, die wie ich, aus dem United Kingdom kamen, aus England, die wurden [Ahm] nach Aegypten geschickt. Ich wurde nach Aegypten geschickt, nach Alexandrien und dann nach Tubruk, Bengasi und eventuell demobilisiert. Ende Juli 46, da kam ich nach Haus, da hatte ich eine Frau, die hab ich in der Zwischenzeit [Hm] erworben, am 2. April 43 haben wir geheiratet, [...] ich hab gesagt, am 1. April heirate ich nicht. Und bevor ich nach dem Nahen Osten geschickt wurde, hat meine Frau unsere Tochter erwartet. Ich hab das Kind ja nie gesehen, bis sie 15 Monate alt war. Aber dann habe ich sie gesehen. Jetzt sehe ich sie nicht so oft, weil sie in Los Angeles lebt, zu weit, um vorbeizugehn, nach dem Theater.

Ich hab nach dem Krieg angesucht, [ahm] meine Medizinstudien weiterzumachen. Hab ich das erwaehnt, ich hab nach dem Gymnasium, das ich doch mit Ach und Krach absolviert habe, ging ich auf die Universitaet, um dort Medizin zu studieren. [Ahm] Als der Anschluss kam, wurden wir sofort rausgeschmissen. Aber ich hab meine Zeugnisse gehabt und sogar ein Abgangszeugnis von der Universitaet, dass ich gut bestanden habe. Infolgedessen hatte ich jetzt natuerlich einen Beweis, dass ich schon angefangen hatte mit Medizin. Hier konnte ich nicht auf eine medizinische Fakultaet. Das war ueberhaupt nicht moeglich, aber mir wurde angeboten ein Platz am Royal Dental Hospital, Zahnarzt zu werden. Dachte ich mir, na ja, das ist das naechste, wenn ich nicht Medizin kann. Und dann wurde ich eben Zahnarzt. Ich bekam keine Unterstuetzung dafuer. Briten, die in der Armee waren, die konnten studieren oder weiterstudieren oder eine Beruf erlernen, mit oeffentlicher Unterstuetzung. Ich hab das nicht bekommen. Nun , als ich meine Naturalisation durchbekommen hab, sagte meine Frau, versuchs nochmal. Ich habs versucht, bin vorgeladen worden, hab wieder den selben Beamten getroffen und der sagte: "Na ja, wir wollen Ihnen das geben." Am Ende sagte ich ihm: "Ja sagen Sie mal, vor zwei Monaten konnte ich das nicht bekommen, wieso hab ichs jetzt bekommen?" Ja sagt er, "now, you are one of ours". Er sagt nicht "one of us", er sagte "one of ours". Er sagte nicht einer von uns, er sagte, einer von unseren. A mulitcultural, multiethic society. Ich hab da nichts dagegen, ich bin kein Englaender. [Ahm] Da wurde ich eben Zahnarzt.

I.:
Welchen Beruf uebte Ihre Frau aus?

M.G.:
Meine Frau kam hierher, als sie 16 war, sie wurde nurse, Krankenschwester und dann weiter Hebamme und Health Visitor, Hebammen, die haben alle Frauen zuhause betreut, die ein Kind hatten bis zum ersten Jahrestag der Geburt. Das hat sie auch viele Jahre gemacht, dann hat sie das aufgegeben, sie bekam Herzbeschwerden und hat fuer den Medical Research Council gearbeitet als Coordinator von Forschungsarbeiten und dann hat sie das aufgegeben und bis vor ungefaehr zwei Jahren hat sie gearbeitet als eine Betreuerin fuer die Medical Foundation for the Care of Victims of Torture. Jetzt tut sie das nicht mehr, jetzt geht sie nur zu Vorlesungen. Noch zwei Monate und sie ist 80 Jahre alt. Man wird nicht gesuender und kraeftiger, als man alt wird. Sie noch, sie haben noch vierzig Jahre, um kraeftiger zu werden , aber danach gehts bergab!

I.:
Mal sehn. Haben Sie noch weitere Kinder?

M.G.:
Nein, wir haben nur diese eine Tochter. Unsere Tochter ging zur Schule, eine sehr fortschrittliche Schule, wo sie nichts gelernt hat, sodass sie bis heute nur schreibt an Tagen, wo sie das Datum schreiben kann, Tuesday zum Beispiel, das kann sie nicht buchstabieren, deswegen schreibt sie uns immer am Montag. Sie ist 73 ausgewandert nach Amerika. Um eine Freundin zu besuchen, in Kalifornien, Los Angeles, und ist dann dort geblieben. Und jetzt ist sie im Finance Business, Investment advising and so on. Und ich glaub, sie ist ganz gut dran.
Ich selbst hab aufgegeben zu arbeiten, sobald ich meine Pension beziehen konnte im Alter von 65. Seitdem bin ich ein freier Mensch gewesen, ich konnte machen, was ich wollte. Hab das gemacht und jenes gemacht und dann ganz zufaellig kam ich dann, ich kann mich nicht an das Jahr erinnern, im Kopf, wissen Sie, hab ich ueberhaupt kein Hirn mehr, das ist alle Porritsch [...] da kam ich zufaellig hierher an die Wiener Library und hab etwas gemacht [...]. Ja, wissen Sie, waehrend des Krieges wurde hier organisiert eine Organisation, die nannte sich Jewish Relief Unit, das war eine Zivilunit und deren Aufgabe war, dass sie nach dem Trupp nachkommen, wenn sie an die Lager kommen, dort den Insassen zu helfen, die Lebensmittel zu organisieren und so weiter. Eines Tages hatten die hier eine Reunion, ein Treffen und ich hab von Freunden gehoert, dass durch dieses Treffen sie jetzt eine Menge Material haben ueber die Aktivitaeten dieser Unit am Ende des Krieges. Aber es ist alles nur so in Schachteln und ungeordnet und die haetten gerne, dass das irgendwie organisiert wird. Und die hatten sich an die Wiener Library gewendet und die sagten, wir koennen das wohl hinstellen aber wir haben kein Personal, das sich damit beschaeftigen koennte. Und da sagte ich, ja ich hab ja nichts zu tun. Ich tu das gerne. Dann kam ich hierher mit einer Dame, die auch dem Unit angehoerte und wir zwei haben all dieses Material in vielen Wochen durchgesehen und katalogisiert. Das ist jetzt irgendwo im Keller. Und die damalige Bibliothekarin, Susi Laquer, Walter Laquers Frau, sie war damals Mrs. Wiener Library. Sie ist ein Organisator, ein Gschaftlhuber ausgezeichneter Art. Und sie sagte als wir fertig waren mit dem Dings, sagte sie, ja warum bleibt ihr nicht hier, wir haben eine Menge Arbeit hier. Und dann habe ich Verschiedenes gemacht, Eingaenge, Zeitungsausschnitte, ich war bereit, alles zu tun, fuer Kaffee und Biscuits. Dann kamen mehr Volunteers. Das hat sich damals erst entwickelt. Das war natuerlich sehr angenehm, hier kamen eine Anzahl von Leuten zusammen, [Ahm] wir wissen, wenn wir sprechen, was wir meinen, die Einstellungen, die man hat, die verschiedenen Dinge, die man erlebt hat, [...] mir waer das sehr schlimm, wenn ich da nicht herkommen koennte. Dann kamen andere Leute, wenn ich das Ihnen sagen darf, Gedenkdienstler, dann kamen diese jungen Leute aus Deutschland und Oesterreich und ich muss sagen, es ist ein Vergnuegen und eine Ehre, mit Ihnen zu arbeiten.

I.:
Vielen Dank, es ist auch fuer mich eine Ehre und eine grosse Bereicherung, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.

M.G.:
Es ist ein Ansporn, solange ich auf dem Bus sitzen kann - heute hats anderthalb Stunden gedauert, bis ich hierher gekommen bin - solange ich das tun kann, hierher zu kommen.

I.: Darf ich Ihnen noch einige Fragen stellen?

M.G.:
Ja, natuerlich, fragen Sie.

I.:
Was ist aus Ihren Eltern geworden?

M.G.:
Meine Eltern? [...] Ja, mein Vater, mein Stiefvater starb in Theresienstadt, sie sagten an einem natuerlichen Tod. Soweit ich mich erinnern kann, war er 74 Jahre alt, also heute ist das kein Alter, aber Theresienstadt war nicht ein sehr [...] na, wie sagt man [...] kein gesunder Aufenthalt. Ich bekam einen Brief in [...] 44, brachte mir meine Frau auf die Offiziersschule, einen Brief vom International Red Cross, dass meine Mutter und meine Stiefschwester von Theresienstadt nach [...] Auschwitz-Birkenau gebracht worden sind. [...]
Wie ich sagte, mein aelterer Stiefbruder starb vor ca. 10 Jahren in Tel Aviv, der juengere starb 1990 in Spanien.

I.:
Darf ich auch nochmal auf Ihre Wiener Zeit zurueckkommen?

M.G.
Ja, ja bitte.

I.:
Koennen Sie sich noch an Ihre ersten Erfahrungen mit den Nationalsozialisten in Wien errinnern?

M.G.:
Ich ging in die Schule, in das Humanistische Gymnasium in der Fichtnergasse, das ist jetzt nicht mehr da, mit 52 Studenten in der Klasse, ich glaube, da waren 4 Maedeln darunter. Wie die da rein gekommen sind, weiss ich nicht, denn es gab ja ein Maedchengymnasium in der naechsten Strasse, die kamen immer, um uns beim Fussballspielen zuzuschauen. [...] Natuerlich gab es Antisemitismus, Anrempelungen, weiss ich was. Aber ich bin voellig davon ueberzeugt, dass keiner von ihnen, sogar von den rabiaten Nazis, vor hatten, mich umzubringen. Ich bin ueberzeugt davon. [...] Ich hatte einen sehr guten Freund, der lebte im selben Haus. Wir lebten in der Linzer Strasse im 14. Bezirk und der lebte in der Wohnung mit seiner Mutter und seiner Grossmutter. Sie lebten im Parterre und meine Eltern und ich lebten im zweiten Stock. Wir gingen in die selbe Klasse in der Schule, jeden Morgen gingen wir zusammen hin. Dann wurde er eines Tages Mitglied der Wandervoegel, das erschien mir wunderbar und ich sagte, ich komm mit. Er sagte, das kannst du nicht und meine Mutter meinte, denk gar nicht drauf, die nehmen naemlich keine juedischen Kinder. Das erschien mir sonderbar, warum nicht? Ich bin ein Mensch, der, wenn man ihm sagt, die nehmen keine juedischen Kinder, geh ich halt woanders hin. Ich bin kein Kaempfer fuer Sachen. [...] Weihnachten, die waren sehr katholisch, Weihnachten hatten die einen riesen Weihnachtsbaum, da hab ich ihnen beim Herrichten geholfen, hab ich gern getan und zu Pesach, zum Ueberschreitungsfest, da sass der Hans Ladstaetter an unserem Tisch, neben mir. Wir sind dann von dort weggezogen in die innere Stadt, weil ich an die Universtaet ging und meine Mutter wollte, dass wir da in der Naehe wohnen. Und dann hab ich nicht mehr soviel vom Hansl gesehn. Aber eins kann ich sagen: nach dem Anschluss ging ich in der Strasse entlang und der Hansl Ladstaetter kommt mir entgegen in der SA-Uniform [...] und geht auf die andere Strassenseite rueber. [...] Das [...] hat mir [...] geschmerzt. Ich weiss nicht, was aus ihm geworden ist.
Als ich Medizin-Student war, da hat man an einem Leichnahm sezziert und an jedem Kadaver, das ist nicht mein Wort, das ist das offizielle Wort, waren sechs Studenten. Drei von uns waren juedische Studenten, die anderen beiden sind nach Amerika gekommen und ich hierher, auf der anderen Seite waren drei nicht-juedische Studenten, einer von ihnen war der Franz Graf, ein wunderbarer Kerl, gross, blond, immer froehlich, sehr, sehr angenehm. Nach dem Anschluss, ein paar Tage spaeter, geh ich in der Strasse entlang und jemand klopft mir auf die Schulter. Ich schau mich um, und da ist ein SS-Mann. Ich bin erschrocken. Da sagt er: "Also Goldenberg, was ist denn los mit dir? Warum schaust denn so?". Sag ich: "Franz, Graf, aber du musst doch verstehen, ich seh mich um und auf einmal steht so ein SS-Mann da". Sagt er: "Du verstehst nicht, was hier vor sich geht". Ich dachte, ich versteh nur zu gut, was vor sich geht. Sagt er: "Du hast doch nichts zu fuerchten. Natuerlich, all diese Juden aus dem Osten, die unser kulturelles und wirtschaftliches Leben in ihren Haenden halten, das muss aufhoern, aber du", sagt er, "bist doch ein Oesterreicher, so wie ich". Bis dahin hab ich das selbst geglaubt. [Lacht] Aber ich hab gesehen, das war - zumindest damals - nicht ganz der Fall. Das war eine Sequenz. Mein Freund, Fritz Deutsch, mit dem ich hierher kam, der hat geheiratet eine ganz wunderbare, ausgezeichnete Frau aus Wien, sie selbst war halbjuedisch. Sie war dann sehr beschaeftigt mit der Anglo-Austrian Friendship Society. Und die gingen oft nach Wien und eines Tages, vor, ich weiss nicht, drei oder vier Jahren, sagte der Fritz eines Tages: "Ja weisst du, wenn du nach Wien gehst, da waren wir sehr befreundet mit einem Arzt und seiner Frau, sehr nette Leute, und nach seinem Alter zu schaetzen, koenntet ihr vielleicht zur selben Zeit an der Universitaet gewesen sein, vielleicht sagt dir ja der Name etwas, Dr. Franz Graf. Ich kann dich mit ihm in Verbindung setzen." Ich hab darueber nachgedacht. Und dann dachte ich mir, lass es lieber sein. Worueber werden wir uns unterhalten? Was mit meinen Eltern passiert ist, was er waehrend dem Krieg gemacht hat? Und ich will ihm das Kredit geben, dass selbst unter der schwarzen Uniform, muss es einige anstaendige Leute gegeben haben, und dass er einer von denen war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich in eine homocidal Psychopaten verwandelt hat. [...] Das war einfach nicht so. [...] Aber ich dachte, lass es sein.

Als die Kristallnacht kam [...] ich hatte eine Freundin, deren Eltern aus Jugoslawien kamen, die waren jugoslawische Staatsbuerger und ihre Wohnung, an der Tuer von ihrer Wohnung im dritten Bezirk war ein Schild, dass dieses Haus, diese Wohnung steht unter dem Schutz der yugoslawischen Gesandtschaft. Und Georgy ruft mich an und sagt: "Es geschehen schreckliche Dinge , versuch hier her zu kommen und dich bei uns zu verstecken". Na ja, da hab ich mir mal meinen Mantel angezogen und meinen gruenen Hut, und meine Frau sagte, als wir in Wien waren vor einigen Jahren: Weisst du, du siehst aus wie alle anderen, alles was du brauchst ist eine Lodenjoppe und einen Rasierpinsel auf deinen Hut - genauwie jeder andere". Ich nehm den Bus und fahr auf den Rennweg, wo die gelebt haben und da haben sie mich versteckt fuer drei oder vier Tage. Es gab viel Geschrei im Haus und viel Gepolter, aber mir ist nichts passiert. Ich hab von Zeit zu Zeit meine Eltern angerufen, wir wohnten damals am Schottenring, wo heute die Polizeidirektion steht. Das war das Haus und daneben ist jetzt ein Hotel oder irgend sowas?

I.:
Ja, da sind mehrere Hotels direkt neben der Polizeidirektion.

M.G.:
Ich war naemlich dort vor einigen Jahren [...]

I.:
Ist es das franzoesische Hotel?

M.G.:
Kann sein. Ich hab naemlich nach der Polizeidirektion gesucht und statt einem Hotel war eine Polizeidirektion da, aber wo unser Haus gestanden war, war jetzt eine Polizeidirektion. [Ahm] Aber um zurueckzukommen [Ahm], ich habe, [...] dann ging ich nach Hause, als man das wieder konnte. Da sagten mir die Eltern, ihnen ist nichts passiert. Es waren naemlich drei juedische Familien im ganzen Haus. Die Kinder vom Hausmeister - der hat unten im Parterre gelebt und der hatte eine Weinstube, so eine kleine Stube, wo die Polizisten von der Polizeistube immer vorbeigekommen sind - und der hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, die Tochter war im BDM und der Sohn war in der Hitlerjugend - die muessen ungefaehr 16, 17 Jahre alt gewesen sein. Da sagten diese zwei, diese beiden haben sich staendig abgeloest und haben immer vor dem Eingang gestanden. Und jedesmal, wenn eine solche Razzia vorbeikam, um die Juden abzuholen, da sagten die beiden: "Ah, ihr seids schon viel zu spaet, die habens schon alle weggenommen". Das war nicht ungefaehrlich fuer diese Leute. Alle Ehre fuer die.

[Hm]Nachdem man wieder rumlaufen konnte, da haben der Fritz Deutsch und ich gesagt: 'Wir muessen doch nachsehen, was da geschehen ist, wo wir diese Kinder immer betreut haben." Neben der Synagoge, da war so ein Haus, das gehoerte der Kultusgemeinde. Und wir gingen hin und der Platz war total zerschlagen und Tintenfaesser wurden an die Wand geschlagen, und dann sagten wir: "Um Gottes willen, da ist doch der Hausmeister, der lebt doch ganz oben auf dem dritten Stock!". Das waren zwei so alte Leute. Ich bin ueberzeugt, die dachten, dass der Kaiser Franz Joseph noch auf dem Thron sitzt. Also wir laufen da rauf, damals konnt ich noch laufen, und klopfen an die Tuer und die oeffnet sich ein bisschen und die Frau sagt: "Gott sei Dank, ihr seids hier" und macht auf, alles total zertruemmert. Wir sagten: "Ja, was issn hier gschehen?" "Wissen Sie, ich versteh das gar net. Da hat jemand an die Tuer geklopft [M.G. klopt auf den Tisch neben Microphon, Anm. I.], in so braunen Anzuegen, und kommen rein und jeder hat so eine Hackn mit sich gehabt und beginnen die Moebel zu zerschlagen, und da sagt einer noch: "Ja, nehmens die Uhr von da weg, sonst wird die auch noch beschaedigt!" Na, hat sie die Uhr weggenommen; und einige von den Moebeln haben die aus dem Fenster geschmissen und sagt sie: "Ja, aber meine Herren, warum duans denn des?" "Na jo", sagt er, "gnae Frau, wir sand die Volkswut!" So, und das war die Volkswut. [Lacht]

Wir hatten verschiedene, verschiedene, na Lokalitaeten auf dem Land, wo auch Kinder waren, wo sie lernen sollten, wie man auch mit Tieren umgeht auch bis sie nach Palaestina gehen sollten. Da ist nichts passiert. Eichmann gab Leuten, denen von uns, die mit solchen Dingen zutun hatten einen Ausweis, denn wir waren beschaeftigt mit der Auswanderung der Juden. Die wollten Deustchland, Wien, judenrein machen, ich sagte, dass war bevor, das war noch nicht der Holocaust, der kam viel spaeter. Und, um das nicht, um die Auswanderung der Juden nicht zu verzoegern, bekamen all diejenigen von uns, die nur irgendwas damit zutun hatten, Leute rauszukriegen, einen Passierschein.

Eine andere kleine Begebenheit - die ist vielleicht auch wenig amuesant - als wir nach England kamen, ich sage wir, denn wir kamen in einem Transport von 120 Maennern. Wir konnten einen kleinen Pappkoffer mitnehmen mit einem Anzug und etwas Waesche, und das war alles. Na, und als wir an die Grenze kamen, Koeln oder irgendwo dort, ich kann mich nicht mehr genau dran erinnern [...] da wurde Revision gemacht. Wir sassen in unserem Abteil, 8 Leute, da kamen zwei SS-Leute herein. Da war so ein kleiner aelterer Herr unter uns, und die sagten: "Der Koffer da. Wem gehoert der?", der Mann sagt "Mir", "Runter!". Also gaben zwei von uns den Koffer runter und "Aufmachen!", also machen wir den Koffer auf und obendrauf - und wir waren alle ganz bestuerzt das zu sehen - ist so eine kleine Schachtel, wo man eigentlich Juwelen drinnen hat und die zwei SS leute haben sich schon gefreut. Einer macht auf und da liegt so ein eisernes Kreuz drinnen, mit einem Band, das Ritterkreuz, sagen die "Woher hams das?", na sagt er, da liegt so eine Fotographie da, das wurde ihm umgehaengt vom Feldmarschall Makensen, der doch spaeter ein Obernazi wurde. Er war scheinbar ein Liaesonoffizier in der deutschen Armee im Osten, an der Ostfront, [Ahm]. Na ja, die zwei SS Leute waren ganz beschaemt, sie wussten nicht richtig wie man sich zu so was einstellen kann. Sie haben sich umgedreht und sind weggegangen. Der hat seinen Koffer wieder zugemacht - ich kann mich nicht an den Namen von dem Mann erinnern - und wir sind nach England gekommen.

I.:
Darf ich Sie fragen, was Sie heute ueber Oesterreich denken?

M.G.:
Hm?

I.:
Was Sie heute ueber Oetserreich denken?

M.G.:
Ich weiss nicht recht, was ich ueber Oesterreich reden sollte. Oesterreich [...], wissen Sie, ich hab immer mein ganzes Leben lang - mein ganzes Leben lang, solang ich halt denken konnte - das ist etwas abschweifend davon, aber zur Erklaerung: Fuer meinen Stiefvater war die groesste Suende des 19. Jahrhunderts der Nationalismus. Er sagte, das ist "a sin against the Holy Ghost", das ist ein Malheur und etwas Schreckliches. Deswegen war er sehr antizionistisch. Es waere ihm nie eingefallen, sich taufen zu lassen, aus Gruenden der Bequemlichkeit, das war nicht. Aber, sagt er: "Der Nationalismus, das ueberlassen wir den anderen." Schlagende Verbindungen, gab es, es gab juedische, schlagende Verbindungen, sagt er: "Was faellt den Leuten ein, dass wir den Leuten imponieren koennen, wenn wir ihre schlimmsten Sitten annehmen?". Infolgedessen hab ich mich immer gewehrt ueber Oesterreich, ueber Deutschland zu reden.
Ich sehe Oesterreicher, oder Deutsche, oder Juden, oder Palaestinenser, oder [Ahm] Talibans. Was ich ueber Oesterreicher und Deutsche denke, sagte ich Ihnen ja vorher. Die, die ich kennenlerne - ohne Ihnen schmeicheln zu wollen - die finde ich, sind wunderbare Leute, es ist ein Ehre mit Ihnen zu arbeiten. Das es unter Ihnen, so wie unter allen anderen Leuten, Schweine gibt, sicher! Ich sehe heute in Israel, schreckliche Dinge werden getan von Juden, nur weil man sagt: "Man hat uns entsetzliches Unrecht angetan, deshalb koennen wir jetzt tun was wir wollen." Das ist, sowas kann ich nicht annehmen. Widerum, nicht alle Leute in Israel denken so, aber leider viele.

Ich finde, diese ganze Sache von Wiedergutmachung - was kann man wiedergutmachen - ich glaube Oesterreich tut, was man erwarten kann. Dass es lange gedauert hat, in [...], das mag jetzt ein Paradox sein, was ich sage: Wenn man das getan haette, gleich nach dem Krieg, haett ich gesagt, ja, das soll so sein. Aber dass man bereit ist, das zwei Generationen nach dem Krieg noch nachzuholen, das finde ich sehr anstaendig. Die augenblickliche Situation des Nationalfonds, [...] dass sie auszahlen nach Alter - ich dacht, die fangen an mit den juengeren Leuten und dann denkst du, na bis dass sie zu den Alten gekommen sind, sind schon manche umgekommen. Nein, die fangen an bei den alten Leuten. Sogar, dass die Erben noch etwas bekommen und dass sie neben den Leuten, die einen Fragebogen ausgefuellt haben, dann auch noch durch die Akten gehen werden, um zu finden, ob es noch Leute gibt, die das nicht ausgefuellt haben, um denen nachzugehen, das finde ich sehr anstaendig. Zum 'Haider-Business', Haider himselbst, den finde ich einen veraechtlichen Menschen, aber die gibts ueberall.

I.:
Vielen Dank fuer das Interview.

M.G.:
Sehr gerne.

Interview mit Martin Goldenberg (pflegt keinen Kontakt mehr zur Wiener Library)
von Christoph Treiblmayr, Peter Stadlbauer

am 9. Oktober 2001 von 11 bis 13 Uhr in den Räumen des Institutes of Contemporary History and Wiener Library, 4 Devonshire Street, London W1W 5BH

© 2001 Verein für Dienste im Ausland