Besuch von Daniel James Schuster bei Ester Golan am 21. Juli 2007

Am 21. Juli 2007 besuchte ich die Holocaust-Überlebende Ester Golan in ihrer Wohnung und führte ein langes Gespräch über ihr Leben, ihre Sorgen, ihre Wünsche für die Zukunft, ­Holocaust-Aufarbeitung und Weiteres, bei dem ich mir Notizen über ihre Aussagen und Antworten machte und von welchem ich hier Ausschnitte in Form eines gekürzten Interviews niedergeschrieben habe. Dieses Treffen fand zwei Tage nachdem ich einen Vortrag von ihr über ihr Leben im der Yad Vashem Holocaust Gedenkstätte besucht habe, statt. Doch zuvor möchte ich das Leben von Ester Golan in Kürze vorstellen:

Ester Golan und Daniel Schuster Ester Golan wurde am 17. November 1923 in Glogau in Deutschland geboren und hatte zwei Geschwister namens Peter und Marianne. Ihre Eltern hießen Arno und Else Dobkowski. Ihre Mutter Else wurde nach der Kundgebung der Balfour Deklaration im Jahre 1917 eine Zionistin und strebte danach immer ein Leben in Palästina an. Auf Grund der unmöglichen finanziellen Lage der Familie wurde Ester 1935 zur Adoption in eine jüdische amerikanische Familie freigegeben. Sie wurde aber, mit der Begründung nicht hübsch genug zu sein, letztendlich abgelehnt. Ihr Bruder Peter nahm an der zionistischen Jugendgruppe „Jugend-Aliah“ Teil und emigrierte 1937 nach Palästina. Ihre Großmutter emigrierte im Jänner 1938 nach Portugal. Im November 1938 bewarb sich Ester für eine Jugend-Aliah, wurde aber nach einem Vorbereitungscamp auf Grund von Untergewicht abgelehnt. Im April 1939 wurde es Ester mit 15 Jahren ermöglicht in einem Kindertransport nach Schottland zu migrieren und konnte dort in der Residenz des Lord Balfours verbleiben. Ab diesen Zeitpunkt begann ein intensiver Briefverkehr mit ihrer Mutter. Ihre Schwester Marianne konnte nach London gebracht werden, hingegen ihre Eltern fanden jedoch kein Land das sie aufnahm. Mit 17 Jahren konnte Ester nach Palästina emigrieren wo sie auch bald einen jungen Mann kennen lernte den sie heiratete. Im Mai 1944 erhielt Ester einen Brief von ihrer Mutter, dass sie bald eine neue Adresse haben werden. 1946 fand Ester über das Rote Kreuz heraus dass diese Adresse Auschwitz-Birkenau hieß. Ihre Schwester Marianne konnte im Jahre 1949 nach Israel einreisen.

1988 bekam Ester ihre erste Einladung nach Deutschland um einen Vortrag über ihr Familienschicksal zu halten. Im Jahre 1989 trat Ester einer Studiengruppe names „Lapid“ bei, die den Holocaust studierte und fuhr nach Polen zu den Todeslagern. In Auschwitz hielt die Gruppe eine Gedenkveranstaltung ab und Ester würdigte ihre Mutter in dem sie ein von ihrer Mutter verfasstes Gedicht vorlas.

Am Yom Ha'Shoa in 2002 starb ihr Enkelkind Eyal Yoel in Kämpfen in Jenin was für Ester den Holocaust wieder in die Gegenwart brachte.

Ester publizierte 1995 ein Buch mit dem Titel „Auf Wiedersehen in unserem Land“ in dem sie über 100 Briefe ihrer Mutter veröffentlichte.

Ester Golan hat auch eine Webseite auf der sie eine Autobiografie, Briefe ihrer Mutter, Zeitungsartikel und weiteres öffentlich zugänglich macht:

http://geocities.com/Ester_Golan

Interview

I: Liebe Ester, du bist nun schon viele Jahre fleißig daran Einladungen um Vorträge über dein Leben insbesonders an Schulen zu halten, wahrzunehmen. Warum machst du das, was erwartest du dir davon und was hoffst du damit zu erreichen?

Ester: Ja, ich halte schon lange Vorträge und da möchte ich gleich einmal sagen, dass dieses Thema den jungen Leuten allgemein gesprochen nicht interessiert. Das ist doch so. Die jungen Leute heutzutage sagen „der Holocaust liegt doch schon so weit zurück“, „ich hab jetzt mein Leben, das war euer Leben“, „wir müssen im Hier und Jetzt leben, nicht in der Vergangenheit“, „ich halt mich doch viel lieber mit gleichaltrigen Leuten auf, anstatt alten Leuten zuzuhören“, etc.. Und ich kann es verstehen. Der Generationsunterschied in der heutigen Zeit ist so groß wie noch nie zuvor. Man denke nur an all die Technologie die es heute gibt, Radio, Fernsehen, Computer, Handy, Flugzeug, usw. Wie sehr gab es das alles wie ich so alt war wie du? Schon in jungen Jahren mussten wir arbeiten und das Gymnasium war nur etwas für die ganz Reichen.

Ich halte diese Vorträge gerne, da ich über erlebte Tatsachen reden kann, über meine Lebenserfahrungen die so geschehen sind wie ich sie erzähle. Was ich als ein Problem ansehe ist, dass sehr viel Material über den Holocaust nur faktische Aufarbeitungen sind. Man lernt darüber wie viele Leute wo gestorben sind, über was es wo gegeben hat, usw. Die Schwierigkeit die ich daran sehe ist, dass sich viele Leute mit dieser Theorie nicht identifizieren können, sich kaum vorstellen können wie es den Menschen damals ergangen ist und es deshalb ein abstraktes und geschichtlich abgeschlossenes Thema für sie bleibt. Dadurch kann ich auch den Leuten nicht vorwerfen wenn sie sich nicht mit großen Enthusiasmus damit auseinander setzen. Was ich hindurch meines ganzen Vortrages versuche, ist einen Bezug des Publikums zu meiner Geschichte und damit zu der Holocaust Thematik herzustellen. Wenn ich zu jungen Leute rede, beginne ich deshalb mit dem Satz „Heute möchte ich euch erzählen was mit mir passiert ist, als ich so alt war wie ihr jetzt seid.“ Dann zeige ich Bilder von mir als ich 15 Jahre alt war, von meinen Eltern und von meinen Geschwistern. Jeder Mensch hat Eltern, jeder hat Photos über sich selber und die meisten Leute haben auch Geschwister. Das weckt Neugierde und auf einmal gelingt es den Leuten sich selber mit mir zu identifizieren, sich selbst in mir wiederzuerkennen und mit meinen Erzählungen mitzufühlen wie es mir damals gegangen ist. Solche Methoden wende ich den gesamten Vortrag lang an. Das Ziel meiner Vorträge ist, einen subjektiven Zugang für die Zuhörer zum Holocaust zu ermöglichen. Das ist glaube ich eine notwendige Ergänzung zu dem was man ansonsten zu diesem Thema in der Schule lernt.

I: Da ich diese Woche einen Vortrag von dir gehört habe kann ich dir bestätigen, dass es dir sehr gut gelingt, diese Methode anzuwenden und den persönlichen Bezug herzustellen. Was mich dabei auch interessiert, ist, wie du dich fühlst wenn du vor einem Publikum stehst und du über dein trauriges Schicksal sprichst.

Ester: Das hängt stark vom Publikum ab. Wenn das Publikum interessiert ist, ermutigt mich das sehr, wenn nicht, dann nicht. Ich weiß, nicht alle Leute können das, vor einem Publikum zu stehen und einen Vortrag über ihr Schicksal zu halten, aber mich hat mein Leben sehr geprägt. Ich kam ohne Familie oder Freunde als Flüchtling nach Israel und führte einen Kampf zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Drei Jahre lang noch erhielt ich Briefe von meiner Mutter die mich immer ermutigten. Sie war eine sehr weise Frau und gab mir wertvolle Ratschläge. Anfänglich habe ich vieles nicht so sehr verstanden, aber umso älter ich wurde, umso mehr erkannte ich die Weisheit ihrer Briefe. Diese Weisheit ist das was mich trägt. Ihre Briefe gaben mir auch die notwendigen Ermutigungen und Lebensgrundlage um einen starken Willen für mein Leben zu bilden. Als ich hier in Israel lebte, entwickelte ich früh einen starken Willen etwas sinnvolles aus meinem Leben zu machen, mein Leben aufzubauen und zu arbeiten. Als ich in Israel ankam, war ich noch eine sehr schüchterne Frau, wobei ich aber zu Hause von meiner Mutter sehr viel lernte. Meine Mutter war nicht nur eine sehr liebevolle Frau, sondern auch eine moderne. Sie ermöglichte und zeigte mir einen sinnvollen Zugang zur Welt. Sie lernte mir Kochen, Bügeln, Nähen, Wäsche waschen, usw. Alles was man fürs Leben halt so braucht. Das half mir in Israel sehr. Später wurde ich Touristenführerin im Lande und dabei lernte ich vor Menschen zu stehen und zu reden. Ich begann zu studieren und wurde auch eine Erzieherin. Dieses Gelernte hilft mir heutzutage sehr, um vor Leuten zu stehen und über mein Schicksal zu sprechen.

I: Wie war es für dich als Kind in Deutschland?

Ester: Ich war 10 Jahre alt als Hitler an die Macht kam. Ich ging bereits ein paar Jahre in die Schule und es war kein Unterschied zwischen mir und den anderen Kinder. Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war ich eine Außenstehende und niemand mehr wollte mit mir spielen. Auf einmal wurde mir vorgehalten ich sei eine Jüdin und somit eine niedrige Rasse mit denen sich die anderen nicht abzugeben brauchen. 10 Jahre lang ist es in der Schule nicht aufgefallen dass ich Jüdin sei, auf einmal war alles anders. Mir wurde gesagt, die Juden seien Schuld an der Niederlage des 1. Weltkrieges. Nur mein Bruder Peter blieb mir als Spielpartner über. Und das obwohl ich aus einer sehr niveauvollen Familie kam. Einer Familie wo Bildung, Freundlichkeit und Ehrlichkeit einen hohen Stellenwert hatte. Wir waren auch relativ reich, eine Familie im hohen Mittelstand. Die Juden wurden kategorisch zum Sündenbock. Was ich dabei hervorheben möchte ist die Rolle der Kirche, die in der Regel antijudaistisch gepredigt hatte. Die Geschichte hindurch wurden wir von ihr verurteilt Jesus gekreuzigt zu haben und hätte die Kirche damals nicht so antijudaistisch gepredigt, hätte vieles verhindert werden können. Oder zumindest hätte es mehr Gerechte unter den Völkern gegeben. Damals hatte die Kirche noch Macht über die Leute, heute ist das anders.

I: Wie war es für dich als du in Palästina angekommen bist? Wie bist du aufgenommen worden?

Ester: Ha, das ist eine Geschichte für sich. Aber grundsätzlich gesprochen war es sehr schwierig. Ich kam über eine jüdische Jugendorganisation nach Eretz Israel und damals war Palästina ein sehr primitives Land. Hier sah es ganz anders aus als heute, es war nichts entwickelt und am Ende der Welt. Es war für alle Einwanderer schwierig. Ich kam aus einer ganz anderen Kultur und es war eine große Umstellung für mich. In Deutschland wuchs ich in einer hoch entwickelten Kultur auf und hier landete ich in eine völlig anderen: es wurde gefeilscht, gemogelt und hintergangen. Außerdem war es ein Land mit einem jahrzehntelangen Existenzkampf und mein Leben war auch nicht wirklich sicher hier. Ich war alleine und auch Opfer des Nationalsozialismus. Aber ich bildete einen starken Willen und durch meine Einstellung transportierte ich mich aus der Opferrolle heraus. Opfer zu sein ist viel mehr eine Einstellung als ein Zustand. Aber ich glaube ich meisterte das Leben gut und heute bin ich alt und pfeif auf die Welt. Ich bestimme nun und erlaube mir mein Leben zu gestalten.

I: Was sagen sie zu Holocaust-Leugnern?

Ester: Wo sind meine Eltern geblieben? Dann ist der 2. Weltkrieg nicht passiert. Dann haben die über 50 Millionen Leute sich einfach versteckt.

Es ist einfach so dass sich jeder über den Holocaust seinen eigenen Narrativ bildet. Ich erzähle über den Holocaust wie ich es will, du wie du es willst. Der Iran wie er es will. Der Unterschied nur ist Ehrlichkeit. Dem Iran passt es einfach in seinen Plan den Holocaust zu leugnen und das wo er offenkundig erklärt Israel und die Zionisten vernichten zu wollen. Der artikuliert es ja sogar noch klarer als Hitler. Aber eines ist klar: Nach Israel kommen sie zu euch. So wie Hitler inkrementell fortgeschritten ist, so wird das auch hier der Fall sein, nur verzögert und offensichtlich nicht nur gegen die Juden.

I: Was möchtest du jungen Menschen für ihr Leben mitteilen und mitgeben? Was wünscht du dir von den jungen Menschen?

Ester: Macht die Augen auf und seht was sich in der Welt abspielt. Entwickelt ein Geschichtsbewusstsein. Nützt die Zeit aus um das jüdische Leben kennen zu lernen und versucht viel Kontakt zu gleichaltrigen Israelis herzustellen. Ich wünsche mir dass Volontäre aus Europa mehr mit den jungen Israelis gemeinsam machen würden, sich in Schulen vorstellen und einfach darüber sprechen wer ihr seid, was ihr hier macht, warum ihr gekommen seid und dass ihr an der jungen israelischen Bevölkerung interessiert seit. Ich glaube die Deutschen und Österreicher haben immer zu viel Angst, dass ihnen die Vergangenheit der Großeltern vorgehalten wird und von den Israelis beschämt werden. Dass ist aber gar nicht der Fall, denn die Israelis sehen, dass ihr an Israel und dem jüdischen Leben interessiert seit. Denn nicht was eure Großeltern damals gemacht haben, sondern was ihr in der Gegenwart macht, definiert wer ihr seid. Ihr trägt keine Schuld für damals. Also einen intensiveren Austausch zwischen den jungen Leuten von Israelis und europäischen Freiwillige ist mir ein großes Anliegen.

I: Liebe Ester, ich danke dir vielmals für das nette und informative Gespräch.

Ester: Sehr gerne, auch für mich war es nett. Komm wieder mal vorbei und schick auch noch andere junge Leute zu mir. Ich freue mich immer über Besuch.


Begegnung mit dem Anderen

Wem begegne ich, wenn nicht dem Anderen?

Der andere ist anders als ich.

Er denkt anders. Er spricht anders.

Er glaubt anders. Er handelt anders.

Ich handele anders als er. Ich spreche anders als er.

Ich meine es anders als er es vermeint zu verstehen.

Ich denke anders und kann mich schwer in seine Denkart hinein denken.

Ich glaube. Ich bin anders als er. Ich bin ich.

Ich möchte als anders wahrgenommen werden.

Ich möchte nicht verglichen werden.

Ich versuche darzustellen, wer ich bin.

Ich und er sind unterschiedlich.

Er und ich, ich und er,

wir können uns nicht miteinander vergleichen.

Er muss seinen Weg gehen,

so wie ich den meinen gehen muss.

Wir begegnen uns.

Aber wir begegnen uns in unserem Anders-Sein.

Er begegnet vielen, ich begegne vielen.

Ich kann mich nicht vielen angleichen,

auch er kann sich nicht vielen angleichen,

sonst bleibt er nicht er.

So wie ich doch ich bleiben möchte,

möchte er gerne er bleiben.

Ich kann nicht er werden,

so wie er nicht ich werden kann.

Ich brauche ihn, um mich zu sehen.

Wenn ich meine Hand vor meine Augen halte,

sehe ich meine Hand.

Aber ich sehe nicht mich.

Er sieht mich, der Andere.

Ich brauche den Anderen, um gesehen zu werden,

um mich zu sehen.

Ich hoffe der Andere braucht mich, damit er gesehen wird und so sich sieht.

Wir brauchen einander, um uns gegenseitig wahrzunehmen.

Ein jeder muss sein eigenes Selbst bewahren.

Wer bin ich, wenn ich nicht ich bin.

Ester Golan, 1995