| Um Gottes Lohn in Shanghai gedenken
Die finanzielle Lage der Auslandsdiener ist nicht gerade rosig
Von Mathias Ziegler
Ab 1. Februar 2006 wird es im chinesischen Shanghai österreichische Gedenkdiener geben, die dort ihren Zivilersatzdienst ableisten. Martin Wallner aus Baden ist der erste Auslandsdiener, der unter anderem am Aufbau einer Erinnerungsstätte in der geschichtsträchtigen Hafenstadt mitwirken wird. Mehr Kopfzerbrechen als die Arbeit selbst bereitet dem 19-Jährigen die Finanzierung der Unternehmung.
"Mindestens 35.000 Juden flüchteten Ende der 1930er Jahre vor den Nationalsozialisten nach Shanghai, darunter mindestens 6.000 Österreicher", erklärt Andreas Maislinger gegenüber der "Wiener Zeitung" den Bezug seiner Heimat zu jener Hafenstadt, in die man damals ohne auch Papiere einreisen konnte. "Selbst aus meinem Heimatort St. Georgen bei Salzburg flüchtete seinerzeit jemand nach Shanghai", sagt Maislinger, der am Zustandekommen der neuen Gedenkstätte maßgeblich beteiligt war.
Der Vorsitzende des "Vereins für Dienste im Ausland", der unter anderem für die neue Gedenkdienst-Station im Zentrum für jüdische Studien an der Akademie in Shanghai - die erste in Asien - zuständig ist, hat den Gedenkdienst im Jahr 1992 gewissermaßen "erfunden". Nachdem er bei der deutschen "Aktion Sühnezeichen" selbst einen einjährigen Gedenkdienst im Ausland absolviert hatte, wollte er diese Art des Wehrersatzdienstes auch in Österreich realisieren. Der damalige Innenminister Franz Löschnak griff die Idee auf, und seit 1992 gibt es in Österreich die Möglichkeit, als Alternative zum Zivildienst einen 14-monatigen Auslandsdienst zu absolvieren.
Was mit einigen Gedenkdienern an bekannten Holocaust-Erinnerungsstätten begann, entwickelte sich seither zu einem weltumspannenden Netz, das seit einigen Jahren auch Sozial- und Friedensdienststellen umfasst. "Unser Verein betreut derzeit 63 Stationen rund um den Globus", berichtet Michael Procházka vom "Verein für Dienste im Ausland", dem größten heimischen Anbieter von Auslandsdiensten. Insgesamt schätzt Procházka die Zahl der Einsatzstellen auf weit über 100.
Wenig Geld ...
Tatsächlich besetzt ist aber laut Procházka nur etwa die Hälfte der Stellen. Das sei aber nicht auf mangelndes Interesse zurückzuführen, sondern auf die finanzielle Situation, ist Procházka überzeugt: „Wir haben pro Jahr bis zu 25 Bewerber, wir können aber nicht alle nehmen, weil uns das Geld dafür fehlt.“ Früher habe der Verein vom Staat eine jährliche Förderung von 10.000 Euro pro Auslandsdiener erhalten – mittlerweile werde diese Unterstützung aber oft gestrichen. „Weil ein Auslandsdiener laut Gesetz an der Einsatzstelle kein Geld verdienen darf, müssen die nötigen finanziellen Mittel für 14 Monate Aufenthalt vorher angespart werden“, kennt Procházka das Dilemma seiner Schützlinge ohne Einkommen.
Bei Martin Wallner, der zwecks Vorbereitung – „Ich muss ja erst einmal Chinesisch lernen“ – bereits am 1. September 2005 nach Shanghai reisen wird, verlängert sich der Zeitraum, den es zu finanzieren gilt, sogar auf 18 Monate. Er hofft aber, zumindest in den Genuss einer Förderung zu kommen, sodass er nicht alles nur aus der eigenen Tasche bezahlen muss.
... aber viel Freude
Ob mit oder ohne finanzielle Unterstützung – Wallner freut sich jedenfalls auf seine Aufgabe, die hauptsächlich darin bestehen wird, ein Netzwerk zu anderen Gedenkdienststellen aufzubauen, um die Geschichte des einstigen Migrationshafens aufarbeiten zu können. „In Shanghai selbst gibt es nämlich nur wenig Informationen über das Schicksal der tausenden Flüchtlinge, die seinerzeit hierher kamen“, weiß der angehende Gedenkdiener. Nervosität ob der bevorstehenden Zeit im fernen Osten ist im kaum anzumerken. „Ich habe ja schon Erfahrung, war schließlich ein Jahr lang als Austauschschüler in den USA“, wiegelt er ab.
Dass es ihn nach Shanghai verschlagen wird, sei eigentlich eher zufällig gekommen. „Ursprünglich hätte ich gerne ein Jahr Sozialdienst in Qi Qi Ha'er gemacht, dort war aber leider keine Stelle frei“, erzählt Wallner. In Qi Qi Ha'er hätte der 19-Jährige an einem Schulprojekt teilnehmen wollen – eine klassische Aufgabe für Sozialdiener, wie Procházka erklärt: „Andere arbeiten beispielsweise in der so genannten Dritten Welt als Entwicklungshelfer. Es gibt aber auch Friedensdiener, die in ehemaligen Krisenregionen – etwa am Balkan oder im Nahen Osten – an der Stabilisierung der Lage mitwirken.“
Trotz der finanziellen Verluste höre man im Verein von ehemaligen Auslandsdienern fast nur Gutes, stellt Procházka fest. „Es ist oft eine große Herausforderung – aber auch eine wertvolle Erfahrung.“
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