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Wenn aus Akten Schicksale werden
Gedenkdienst in Israel
Es geht nicht um Schuld und Sühne oder gar um vorgetäuschtes
Mitleid, vielmehr um Mitgefühl und das Übernehmen
von Verantwortung , damit Vergangenes auch vergangen bleibt,
sich in unserer Erinnerung jedoch als Warnung für Gegenwart
und Zukunft erhält. Die Rede ist vom Projekt "Gedenkdienst",
einer Möglichkeit, den Zivildienst an einer von weltweit
fünf Holocaust-Gedenkstätten mehr als nur sinnvoll
abzuleisten.
"Salt & Paper" sprach mit den beiden Israel-Legionären,
dem Salzburger David Röthler und dem Wiener Reinhard
Steiner, die zur Zeit in der Gedenkstätte Yad Vashem
in Jerusalem ihren Gedenkdienst ableisten.
Berlin 1942: "Nach Feststellung der Personengleichheit
der Vorgeführten mit der Verurteilten beauftragt der
Vollstreckungsleiter den Scharfrichter mit der Vollstreckung.
Die Verurteilte, die ruhig und gefaßt war, läßt
sich ohne Widerstreben auf das Fallbeilgerät legen, worauf
der Scharfrichter die Enthauptung mit dem Fallbeil ausführt
und sodann meldet, daß das Urteil vollstreckt ist. Die
Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung
17 Sekunden."
Dies ist die Beschreibung der Hinrichtung von Marianne Sara
Joachim, einer jüdischen Widerstandskämpferin der
frühen 40er Jahre. Ein Dokument, eines von einigen Millionen,
die in den Archiven von Yad Yashem auf ihre im wahrsten Sinne
geschichtliche Aufarbeitung und EDV-mäßige Erfassung
warten, erinnert an einen sicher sehr wertvollen Menschen.
Aus einer Akte wird ein Schicksal.
Seit März bzw. seit Juni dieses Jahres beschäftigen
sich David Röthler und Reinhard Steiner mit solchen Dokumenten,
nein: Schicksalen. Die wichtigsten Informationen aus deutschen
Originalakten müssen gespeichert und dokumentiert werden.
Es werden Listen verfaßt, die das spätere Wiederfinden
erleichtern sollen. Der knappe, nüchterne Stil der Fernschreiben,
berichte und Funksprüche vermittelt ein anschauliches
Bild dafür, was sich hinter den Worten Holocaust und
Judenvernichtung verbirgt. Die gesammelten Informationen werden
in den Archiven allen Forschern zugänglich.
Auch viele Privatpersonen sind an den Recherchen interessiert.
Reinhard erzählte mir von einer jungen Engländerin,
die nach Jerusalem kam, um etwas über ihren Großvater
zu erfahren, dessen bisherige Spuren 1941 im Ghetto von Riga
endeten. Nach gemeinsamer Suche fanden sie tatsächlich
ein Polizeiprotokoll, das den Transport von 1000 Juden aus
Bielefeld am 12.12.1941 beschreibt. In den Namenslisten befand
sich auch der Name ihres Großvaters. Nachdem er den
Transport überlebt hatte, war er im Frühjahr 1942
an Unterernährung gestorben. Reinhard übersetzte
der jungen Frau die traurige Wahrheit. Beide waren sie erschüttert,
beide weinten. Szenen, die die jungen Gedenkdiener nie vergessen
werden.
Informationen zum nächsten Gedenkdienstseminar in Salzburg
gibt`s beim Bildungshaus St. Virgil.
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